artgerecht: Schlafen

„Schläft es schon durch?!“ Alle Eltern hören früher oder später diese Frage. “Durchschlafen” ist innerhalb von wenigen Jahrzehnten zum Qualitätsmerkmal moderner Elternschaft geworden. Durchschlafen und alleine schlafen sind weder sinnvoll noch artgerecht.

Artgerecht schlafen heißt: Gemeinsam schlafen. Alleine zu schlafen war in den vergangenen 100.000 Jahren immer eine tödliche Gefahr. Schreiende Babys empfinden das heute auch in einer 3-Zimmer-Wohnung so.

Gut für das Baby

Euer Baby hat keine Innere Uhr. Während die Milch von nesthockenden Igeln ca. 25 Prozent Fett enthält und daher ziemlich lange satt macht, hat menschliche Muttermilch nur 4-6 Prozent Fett. Ein Baby mit einem Magen so groß wie ein Tennisball muss nachts also “nachtanken”, um das nächtliche Wachstum mit Nährstoffen zu versorgen. Außerdem muss es sicherstellen, dass es nachts nicht verlassen wird – es braucht Nähe und Versicherung durch einen vertrauten Körper.

Gut für die Eltern

Gemeinsam schlafen stärkt die Bindung. Gemeinsam schlafen hilft, sich nach schwierigen Tagen wieder gemeinsam zu erholen. Der Körper der Mutter hat sich im Laufe der Evolution so entwickelt, dass sie ihre Nachkommen nachts wärmt, schützt und ohne zu Erwachen ständig weiß, ob alles okay ist. Ihr Schlafrhythmus passt sich direkt nach der Geburt an den Rhythmus ihres Babys an – wenn Papa mit im Wochenbett ist, dann klappt das oft auch bei ihm!

Artgerecht-Schläfer werden nicht von einem schreienden Babys aus dem Tiefschlag gerissen, müssen nicht aufstehen und dann ein sich wehrendes, ängstliches Babys wieder in den Schlaf wiegen. Sie drehen sich stattdessen beim kleinsten Seufzer zur Seite, geben Brust/Hand/freundliches Schschsch von sich und schlafen entspannt weiter.

Das sagt die Wissenschaft

Die Mutter kümmert sich auch nachts im Schlaf um das Baby. Ihr Körper reguliert seine Temperatur, seinen Atem, seine Reifung. Wir kennen keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass ein Kind nur selbstständig wird, wenn es alleine schläft. Das Gegenteil lässt sich belegen: Babys, die sich ihrer Eltern auch nachts immer sicher sein konnten, gehen als Kleinkinder selbstbewusster und stabiler in ein turbulentes Leben hinaus. Familienbettkinder sind früher selbstständig und emotional stabiler. Sie können Trennungszeiten besser verkraften. Sie haben ein gesundes Verhältnis zu Schlaf und Einschlafen.

Gemeinsames Schlafen hat noch einen weiteren, wichtigen Vorteil: Es verringert (bei nichtrauchenden, stillenden Müttern) das Risiko des plötzlichen Kindstodes. Das Familienbett hilft dabei, dass die Kinder nachts häufiger gestillt werden und weniger an Gedeihstörungen leiden. Nächtliches Stillen ist wichtig, damit die Milchproduktion stabil bleibt! Und wer nachts häufig stillt, hat meist erst später wieder einen Eisprung und länger Milch.

Schlafforscher wissen zudem: Dass Erwachsene 8 Stunden „durchschlafen“, ist ein Mythos. Auch wir erwachen regelmäßig, erinnern uns nur nicht daran.

Die artgerechte Antwort auf „Schläfts schon durch?“ ist daher schlicht „Keine Ahnung.“ Viele Mütter berichten, dass sie nachts offenbar oft stillen, sich aber morgens nicht daran erinnern. Eine nächtliche Aktion, die ca. 4 Minuten nicht übersteigt (z.B. ein Baby anzudocken), haben wir morgens vergessen.

So geht’s

Ein Baby sollte immer im Schlafzimmer der Eltern schlafen. Je nach Bedürfnissen von Eltern und Baby kann es dort im eigenen Bett, im Babybalkon oder im Elternbett schlafen. Studien legen nahe, dass die Gefahr des plötzlichen Kindstotes sinkt, wenn das Baby dabei in den ersten Wochen auf dem Rücken liegt. Sobald das Kind sich selbsständig auf Rücken und Bauch drehen kann, wird es selbst entscheiden, in welcher Lage es am liebsten schläft. Wer sein Baby mit ins Bett nehmen will, muss auf eine artgerechte Schlafumgebung achten!

Überlegen Sie, was Sie zum Schlafen wirklich brauchen: Einen Raum, idealerweise eine Matratze auf dem Boden (so kann Baby nicht herausfallen), eine Decke, ein kleines Kissen, ein Schlafsack für ihr Baby.

Regeln für Baby im artgerechten Bett

– Nicht rauchen (Raucher bitte umziehen, duschen und Haare waschen)
– Nicht unter Medikamenten, Alkohol oder Drogen stehen
– Kein Übergewicht
– Keine dicken Decken, keine dicken Kissen verwenden
– Keine Haustiere im Bett
– Keine Kuscheltiere im Bett
– Keine hochflorigen Felle unter dem Baby
– Keine Geschwisterkinder neben dem Baby

Bleiben Sie flexibel und passen sie sie Schlafsituation an die Bedürfnisse aller an: Manche Babies schlafen einfach im Elternbett, doch meistens gibt es verschiedene Orte, an denen ein Baby schläft. Es schläft vielleicht im Tragetuch ein, dann legen Sie es in den Babybalkon und nach dem ersten Stillen schläft es neben ihnen weiter. Oder es schläft mit ihnen im Bett ein, dann stehen Sie noch einmal auf, legen es solange in sein Bettchen und nehmen es später wieder zu sich.

Infos

Ammenmärchen rund ums Schlafen bei Rabeneltern.org
Warum Babys nicht durchschlafen aus Sicht der Evolution
(Herbert Renz-Polster)
Familienbett macht selbstständige Kinder: Studie
Experten gegen das Schreienlassen: Broschüre Kinder brauchen uns auch nachts (S. Lüpold)

Quellen:
Small, Meredith: Our Babies, Ourselves
McKenna, James: Sleeping with your Baby, Interview mit Nicola hier
Jorch, G., Prävention des Plötzlichen Kindstodes